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Rechtsanwälte für Patienten e.V.

Geburtstraumatische Paresen des Plexus Brachialis

Die Schädigung des Plexus Brachialis (Nervengeflecht des Schultergürtels und Armes) ist eine recht seltene Folge des Geburtsvorgangs. Sie kommt lediglich bei etwa einer Geburt von 2000 vor, wobei sich ca. 90 % spontan erholen. In den übrigen 10 % der Fälle aber bleiben schwerwiegende Gesundheitsschädigungen bestehen. Diese liegen in mehr oder minder ausgeprägten Lähmungen des betroffenen Armes. Nicht jede Plexus-Brachialis-Parese ist allerdings auf ein ärztliches Fehlverhalten zurückzuführen. Beim Herausziehen des Kindes durch den Geburtshelfer kann die vordere Schulter über der Symphyse (Schambeinfuge) hängen bleiben und zu dieser Schädigung führen. Im Einzelfall kann dieses Herausziehen zu extrem und damit fehlerhaft oder aber auch fehlerfrei sein.

Risikofaktoren für Plexus-Brachialis-Lähmung sind eine bereits vorausgegange Geburt, eine dabei entstandene Schulterdystokie (gestörter Geburtsverlauf) erhöht nochmals das Risiko für eine erneute Schädigung, schließlich ein großes Kind.

In einem konkreten Fall attestierte das Oberlandesgericht Stuttgart (14 U 71/96) im Jahre 1997 dem damaligen Leiter der geburtshilflichen Entbindungsstation eines Kreiskrankenhauses einen groben Fehler, weil er sich statt einer Sectio zu einer Vakuumextraktion entschloss, ohne Scheidendammschnitt, und dadurch beim Neugeborenen eine Plexus-Brachialis-Lähmung und ein diskretes Horner-Syndrom verursacht hatte:

Die 37-jährige Mutter kam mit leichten Wehentätigkeiten in das Krankenhaus, wo sie von der Hebamme stationär aufgenommen wurde. Die bei der Aufnahmeuntersuchung dokumentierten Befunde waren normal. In der Folge zeigten sich auffällige Herztöne, die die Hebamme veranlassten, einen Arzt zu rufen, der wenig später die Geburtsleitung übernahm. Aufgrund kurzfristiger flacher Herztonabfälle entschloss sich der Arzt zu einer schnellen Beendigung der Geburt mittels Vakuumextraktion. Diese erfolgte vom Beckeneingang aus erster vorderer Hinterhauptlage. Nach der Entwicklung des Kopfes kam es zur Schulterdystokie. Die Mutter mußte etwa vier Minuten reanimiert werden.

Das Gericht sah den Behandlungsfehler darin, dass nicht eine dringend gebotene Schnittentbindung, sondern eine vaginaloperative Entbindung mittels Vakuumextraktion durchgeführt wurde. Nach überwiegender Meinung in der medizinischen Wissenschaft sei eine Vakuumextraktion heute nur noch dann zulässig, wenn der Kopf des Kindes den Beckeneingang bereits überschritten hat. Bei einer Schnittentbindung wären die eingetretenen Schädigungen nicht entstanden.

Das Gericht sprach 65.000,- DM Schmerzensgeld zu.

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